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Arbeitsprogramm für die Juso-SchülerInnen-Gruppe


Göttingen 2003/ 2004

 

Einleitung

 

Die Göttinger Juso-SchülerInnen-Gruppe begreift sich als Forum politisch interessierter, linksstehender Schülerinnen und Schüler aller Altersklassen. Schwerpunktmäßig wird die Bildungs- und Schulpolitik vor Ort behandelt, aber auch darüber hinausgehende Interessen der Gruppenmitglieder sollen bei den Treffen besondere Berücksichtigung erfahren.

 

 

 

Nach der Neugründung der Gruppe im Sommer 2002 fanden regelmäßige, etwa in einem vierwöchentlichen Abstand durchgeführte Treffen der „Schüli-Gruppe“ statt. Hierbei wurde vor allen Dingen der bildungspolitische Alltag in Deutschland, Niedersachsen und Göttingen im Besonderen kritisch begleitet. Auf der Grundlage von Hintergrundinformationen z.B. zur PISA-Studie, zum Zentralabitur, zum Abitur nach 12 Schuljahren, zum Ausbau der Ganztagsschulen und unterschiedlichen Gästen aus der Göttinger SPD-Szene wurde innerhalb der „Schüli-Gruppe“ nicht nur kontrovers diskutiert, sondern oft auch eine eigene, deutliche Positionierung zu politischen Sachverhalten vorgenommen.

 

 

 

Ziel der „Schüli-Gruppe“ in den nächsten Monaten wird es sein, die bildungspolitischen Entwicklungen zu begleiten und sich entsprechend auch in der Öffentlichkeit zu positionieren. Hiermit soll weiterhin versucht werden der Stimme der Schülerinnen und Schüler in politischen Diskussionen stärkeres Gewicht zu verleihen und somit den öffentlichen Meinungsbildungsprozess zu beeinflussen.

 

 

 

Inhaltliche Programmsetzung

 

Die erfolgreiche Arbeit der letzten Monate soll in Zukunft auf breiter Basis fortgesetzt und nach Möglichkeit intensiviert werden. Neben der Auseinandersetzung mit tagespolitischen Themen sollen auch generelle Positionen im Bereich der Bildungspolitik gefunden werden. Eigene bildungspolitische Entwürfe zu erarbeiten, die in einem nachvollziehbaren Zusammenhang stehen, wird weiterhin Aufgabe der Juso-SchülerInnen-Gruppe sein.

 

 

 

Neben der Schul- und Bildungspolitik können weitere Themen für Schülerinnen und Schüler von nachhaltigem Interesse sein. In diesem Zusammenhang ist die Zukunft der Wehrpflicht, der momentane Ausbildungsplatzmangel sowie die Jugendarbeitslosigkeit, aber auch die lokale Situation des ÖPNV und die Unterstützung Göttinger Kultureinrichtungen zu nennen. Weitergehende Ergänzungen der Agenda der „Schüli-Gruppe“ nimmt die Gruppe bei Bedarf spontan vor.

 

 

 

Gespräche mit der Göttinger SPD-Landtagsabgeordneten Dr. Gabriele Andretta und dem stellvertretenden SPD-Fraktionschef und Schulausschussvorsitzenden im Göttinger Stadtrat, Stephan Klecha, haben dazu beigetragen die folgenden bildungspolitischen Schwerpunkte im Arbeitsprogramm der „Schüli-Gruppe“ zu setzen.

 

 

 

1.) Schulstruktur

 

Welche Schulstruktur trägt dem Anspruch der sozialen Gerechtigkeit, dem gleichberechtigten Zugang zu Bildungseinrichtungen für alle jungen Menschen und dem Grundsatz der gleichen Bildungschancen am meisten Rechnung? Wie kann dafür gesorgt werden, dass der Zugang zu Bildung besonders für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern verbessert werden kann? Diese Fragen müssen ebenso erörtert werden, wie Ideen zu einem leistungsfähigeren Schulsystem. Ein Konzept, dass auf der einen Seite der sozialen Verantwortung von Schule und Bildung, auf der anderen Seite aber auch der Leistungsfähigkeit der Bildungsinstitutionen gerecht wird, gilt es zu entwerfen.

 

 

 

Im Besonderen soll hierbei die Grundschulzeit, der Aufbau des dreigliedrigen Schulsystems, bestehend aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium, Betrachtung finden. Daneben könnten die Durchlässigkeit dieser Schulen sowie die Funktion der Gesamtschulen und die Kooperationen zwischen den Schulen berücksichtigt werden.

 

 

 

2.) Welche Inhalte soll Schule vermitteln?

 

Wie sieht der Stundenplan der Zukunft aus und worauf soll Schule den jungen Menschen vorbereiten? Geht es vordergründig um Faktenwissen und auswendiggelernte Sachverhalte oder um die Ausbildung einer eigenständigen Persönlichkeit? In diesem Sinne gilt es zwischen den unterschiedlichen Anforderungen an Schülerinnen und Schüler zu unterscheiden und zu prüfen inwieweit die Schule dazu beitragen kann, die Schülerinnen und Schüler auf ihr Berufsleben, Studium und auf eine gemeinschaftlich-solidarische Gesellschaft vorzubereiten. Multikulturellen, sprachlichen, gemeinschafts- und sportorientierten Ansätzen fällt im Zeitalter von Globalisierung und Individualisierung, das nicht selten auch persönliche Frustrationen bei Misserfolgserfahrungen einzelner junger Menschen führt, besondere Bedeutung zu.

 

 

 

Dieser Arbeitsschwerpunkt ist eng mit der Debatte um eine passende Schulstruktur verknüpft, da nur ein sozial ausgewogenes Schulsystem, das den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin mit seinen bzw. ihren Interessen, Neigungen aber auch Schwächen ernst nimmt, eine zukunftsorientierte Gestaltung des Schulunterrichts zulassen kann. Zudem wird in der heutigen Wissensgesellschaft auch den Naturwissenschaften immer größere Wichtigkeit zufallen.

 

 

 

Diesen bildungspolitischen Herausforderungen zu begegnen und sozial gerechte Antworten hierauf zu finden wird Teil der Arbeit der „Schüli-Gruppe“ in den nächsten Monaten sein.

 

 

 

3.) Evaluierung von Schulqualität

 

Wie kann die Schulqualität, die Leistung der einzelnen Schulen, besser evaluiert bzw. gemessen und bewertet werden?

 

 

 

Die von der Niedersächsischen Landesregierung geplante Einführung eines Zentralabiturs in Niedersachsen soll in diesem Zusammenhang helfen, festzustellen wie gut und effektiv die Schulen in Niedersachsen die ihnen vorgegebenen Inhalte den Schülerinnen und Schülern vermitteln. Gleichzeitig bedeutet dieser Schritt jedoch auch mehr Frontalunterricht in den Schulklassen und wird die Schülerinnen und Schüler mit einem stärkeren Leistungsdruck konfrontieren.

 

 

 

Neben der Idee des Zentralabiturs gibt es aber auch Tendenzen zu landesweiten Kontrolltests in allen Schulen und in möglichst vielen unterschiedlichen Fächern. Darüber hinaus ist auch die Evaluierung der Arbeit der Lehrkräfte durch die Schülerinnen und Schüler weiter im Gespräch.

 

 

 

Um zu verhindern, dass erst internationale Studien wie z.B. PISA oder TIMSS die Lücken in den deutschen Bildungssystemen aufdecken, sollten insbesondere auch wir Schülerinnen und Schüler uns Gedanken darüber machen, wie die Qualität von Schule und Unterricht am besten bewerten und darauf aufbauend verbessert werden kann.

 

 

 

4.) Die Schule als Ort des gemeinsamen Zusammenlebens von Schülerinnen und Schülern

 

Die Schule soll nicht nur ein Ort des Lernens, des Aneignens von Wissen und Fakten sein, sondern auch einen Bereich des Zusammenlebens von Schülerinnen und Schülern aus vielen unterschiedlichen sozialen und kulturellen Umgebungen darstellen. Lehrerinnen und Lehrer sollen vor allem auch Werte wie Solidarität, Gemeinsinn, Verantwortungsbewusstsein sowie moralische und ethische Urteilsfähigkeit vermitteln.

 

 

 

Um ein positives, leistungsförderliches und harmonisches Schulklima erzeugen zu können, bedarf es insbesondere eines nicht überbordenden Leistungsdruckes auf die Schülerinnen und Schüler. Stattdessen sollen sie Freude und Spaß am Unterricht haben. Der Antrieb für gute Schulleistungen bei den meisten Schülerinnen und Schüler ist eigene, durch Faszination und Interesse an der Sache geweckte Motivation und weniger übermäßiger Leistungsdruck, der in einer pluralistischen und multikulturellen Gesellschaft nicht als Lösung der bildungspolitischen Probleme dienen kann. Der Amoklauf von Erfurt im Sommer 2002 ist ein Beispiel dafür, wie übersteigerter Druck auf Schülerinnen und Schüler sich in extremer Weise äußern kann. Um diesen brachialen Methoden das Bild des Gemeinsinns und der Solidarität entgegenzusetzen, auf dem eine gesunde Gesellschaft fußen sollte, gilt es zu prüfen, inwieweit der verstärkte Einsatz von Beratungs- und Vertrauenslehrern sowie Schulpsychologen der Vereinsamung und Frustration von einzelnen Schülerinnen und Schülern entgegenwirken kann. Denn es bleibt unbestritten, dass sich niemand einem Mindestmaß an Leistungsdruck entziehen kann, das unter Umständen zu Negativerlebnissen, Misserfolgserfahrungen und Gefühlen der persönlichen Überforderung führen kann. Dies gilt genauso wie für das allgemeine gesellschaftliche Zusammenleben auch für die Schulen.

 

 

 

Die Schule als sozialen Ort der Verständigung vieler verschiedenen Schülerinnen und Schüler zu begreifen ist demzufolge weniger an die Abschaffung von Noten (ausgenommen die Kopfnoten) geknüpft, als vielmehr an den Erwerb von den genannten „soft skills“. Die alte Forderung der Verringerung der Klassengrößen darf in diesem Zusammenhang nicht fallengelassen werden, denn sie würde einen entscheidenden Faktor zur Verbesserung des schulischen Unterrichts darstellen.

 

 

 

Die Schule der Zukunft soll also an keinerlei soziale Selektion von Schülerinnen und Schülern geknüpft sein, die Schulkarrieren von Kindern und Jugendlichen dürfen unter keinen Umständen an den Geldbeutel oder die soziale Stellung der Eltern gebunden sein. Auf dem Weg zur Realisierung dieser Vorstellung muss zunächst die Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems gewährleistet sein. Außerdem kann der Ausbau von Gesamt- und Ganztagsschulen ein wichtiger Bestandteil dieses angestrebten Prozesses sein. Auf ein starkes Förderangebot, das auf die individuellen Lernschwächen der Schülerinnen und Schüler abgestimmt ist, darf nicht verzichtet werden. Trotz der vielen genannten Faktoren ist der Elterneinfluss auf die Kinder und Jugendlichen unbestritten groß und Schule kann trotz aller Bemühungen und Anstrengungen nicht den Anspruch haben, diesen Einfluss vollkommen zu ersetzen.

 

 

 

Die „Schüli-Gruppe“ wird sich in den kommenden Monaten mit dem Thema der „Schule als Ort des gemeinsamen Zusammenlebens von Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Schichten“ eingehend befassen und nach Möglichkeit ein eigenes Konzept zur Realisierung der angedeuteten Idealvorstellung erarbeiten.

 

 

 

Projekte mit dem Juso-Schüli-Zentralkomitee in Hannover und die Durchführung und Beteiligung an anderen Veranstaltungen

 

Ein aktives Mitglied der Juso-Schüli-Gruppe wird als Spezial-Beauftragte/r für einen regen Austausch zwischen Zentralkomitee und der „Schüli-Gruppe“ sorgen. Dieser Person fällt außerdem die Aufgabe zu, entsprechende überregionale Projekte in Zusammenarbeit mit dem ZK mitzuorganisieren und an den Sitzungen des ZK in Hannover teilzunehmen. Auch über weitere Veranstaltungen, die für die „Schüli-Gruppe“ von Interesse sein könnten (z.B. Juso-Schüli-Landes- oder Bundeskongresse) , sollte sich dieses Mitglied auf dem Laufenden halten. Hilfestellungen kann hierbei insbesondere der Schüli-Beauftragte des Juso-Unterbezirks Göttingen und Vertreter des Juso-Stadtverbands Göttingen geben.

 

 

 

Verhältnis zu Juso-Institutionen, der SPD und weiteren Organisationen

 

Unser politisches Selbstverständnis beruht in erster Linie auf der Tatsache, dass wir uns eigenständig mit politischen Entwicklungen befassen und sie dementsprechend bewerten und eigene Konzepte erarbeiten. Dies macht deutlich, dass Mitglieder der Juso-SchülerInnen-Gruppe weder Mitglied der Jusos, noch Mitglied in der SPD sein müssen.

 

 

 

Dennoch ist der enge Kontakt zum Juso-Stadtverband Göttingen sowie zum Juso-Unterbezirk Göttingen ein elementarer Bestandteil einer erfolgreichen Aufrechterhaltung der Aktivität der „Schüli-Gruppe“. Wünschenswert ist insbesondere, dass Vorstandsmitglieder der genannten Juso-Institutionen bei Bedarf ihre Mithilfe bei auftretenden organisatorischen und eventuell inhaltlichen Problemkonstellationen der „Schüli-Gruppe“ anbieten. In diesem Zusammenhang fällt dem Juso-Stadtverband, dem die „Schüli-Gruppe“ formell untergeordnet ist, besondere Verantwortung zu.

 

 

 

An die politischen Positionierungen der SPD im Allgemeinen und vor Ort ist die „Schüli-Gruppe“ nicht gebunden. Vielmehr macht es sich die Gruppe zur Aufgabe eventuell auftretende Fehlentwicklungen aufzuzeigen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Somit besteht die Möglichkeit aktiv Einfluss auf die SPD-Politik in Göttingen zu nehmen. Eine Kooperation mit dem „Arbeitskreis Schule“ des SPD-Stadtverbandes Göttingen bietet sich deshalb im Besonderen an.

 

 

 

Das Verhältnis zu weiteren Organisationen wie z.B. den SchülerInnen-Vertretungen in den einzelnen Schulen, dem Kreis- und Stadtschülerrat soll von Zusammenarbeit und Nähe geprägt sein. Eine Belebung dieser Verbindungen wird angestrebt.

 

 

 

Leitung und Organisation der „Schüli-Gruppe“

 

Weder ein streng hierarchischer Aufbau, noch eine übertriebene autoritätsorientierte Organisationsstruktur sollen die politische Arbeit der Gruppe beeinträchtigen. Vielmehr soll den Interessen aller Mitglieder der Gruppe Rechnung getragen werden.

 

 

 

Um ein möglichst reibungsloses Wirken der Gruppe zu garantieren werden zwei Sprecher/innen durch die Gruppenmitglieder ernannt. Sie haben die Funktion die regelmäßigen Sitzungen der „Schüli-Gruppe“ zu organisieren und thematisch vorzubereiten. Darüber hinaus muss die Verantwortlichkeit für Auftritte in der Öffentlichkeit einer Person übertragen werden.

 

 

 

Die Vorbereitung, Organisation und Gestaltung der Sitzungen soll indes nicht nur den Sprecherinnen oder Sprechern vorbehalten werden, denn auch die weiteren Mitglieder sind dazu eingeladen und aufgerufen sich aktiv daran zu beteiligen.

 

 

 

Der bereits dargestellten Position eines Spezialbeauftragten oder einer Spezialbeauftragten für die Aufrechterhaltung eines engen Kontakts zum ZK, zum Juso-Stadtverband, Juso-Unterbezirk und weiteren Einrichtungen fällt im Prozess einer kontinuierlichen politischen Arbeit der „Schüli-Gruppe“ eine Schlüsselrolle zu.

 

 

 

 

Die Bedeutung der „Schüli-Gruppe“ im Prozess der lokalen Meinungsbildung zu bildungspolitischen Entwicklungen

 

Die „Schüli-Gruppe“ hat sich in den letzten Monaten in der Göttinger Juso-Szene etabliert, hat zweifellos das bildungspolitische Erscheinungsbild der Jusos mitgeprägt. Hierfür wurde viel Kraft und Energie aufgewendet, aber es hat sich gelohnt! Letztlich haben wir nicht nur intern aktuelle Themen diskutiert, konnten mit lokalen Politikerinnen und Politikern ins Gespräch kommen und haben mit dem Juso-Unterbezirk Göttingen im Landtagswahlkampf eine gut besuchte Diskussionsveranstaltung aller örtlichen Direktkandidaten organisiert, sondern hatten zusammen auch immer viel Spaß, denn schließlich ist die „Schüli-Gruppe“ unser Hobby und nicht unser Beruf.

 

 

 

Diese Freude am politischen Engagement soll auch in Zukunft die wichtigste Stütze der „Schüli-Gruppe“ sein. Wir wollen weitere Schülerinnen und Schüler begeistern und motivieren bei uns mitzuarbeiten, neue Mitglieder gewinnen und den Einfluss auf die lokale öffentliche Meinungsbildung in schulpolitischen Fragen weiter erhöhen.

 

 

 

Schließlich müssen wir daran arbeiten, dass in den kommenden Jahrzehnten wieder mehr fähige und kompetente Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker das Ruder herumreißen und den heute von vielen vorgetragenen neoliberalen Entwürfen eine Absage erteilen. – Wir als optimistische und zuversichtliche Schülerinnen und Schüler wissen: unsere Zeit wird kommen!


 


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